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Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

Bewegungen, die die Gestaltpsychologie in Bewegung brachten

Max Wertheimer

Am 29. Januar 1912 reichte Max Wertheimer (1880-1943) seine Habilitationsschrift mit dem Titel "Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung" bei der von Friedrich Schumann herausgegebenen Zeitschrift für Psychologie zur Publikation ein.  Bereits im ersten Heft des Jahres erschien die Arbeit, in der er intensiv die in Schieberversuchen, stroboskopisch oder tachistoskopisch hervorgerufenen Bewegungseindrücke eines Identischen untersuchte, sei dies nun bei einer realen Bewegung oder aber auch bei einer durch sukzessive Darbietung ruhender Reize davon nicht zu unterscheidender Scheinbewegung. Besonderes Augenmerk legte Wertheimer auf die bei stroboskopischer und tachistoskopischer Bewegung festzustellenden drei "ausgezeichneten Stadien" der Sukzession, der opitmalen Bewegung und der Simultanität. Wie, so fragte er sich, kommt ein optimaler Bewegungseindruck zustande? Wie ensteht er beim Übergang in/aus den Stadien des Sukzessiven oder des Simultanen?
Aufgrund seiner Messungen ermittelte Wertheimer ein Intervall von ca. 56ms zwischen den beiden Reizen, um eine Bewegung zu sehen. Bei einem kürzeren Intervall von ca. 30ms werden beide Reize simultan wahrgenommen und bei längeren Intervallen ab ca. 180ms sieht man die Reize ruhend sukzessiv. Des Weiteren stellt Wertheimer fest, dass der Eindruck der Bewegung nicht an den der Identität der Reizvorlagen gebunden ist. Insbesondere beim Übergang zwischen den "ausgezeichneten Stadien" können auch Teil- und Singularbewegungen entstehen. Einen gesetzmäßigen Einfluss auf das Gesehene hat auch der Fokus der Aufmerksamkeit. Wird dieser auf das Abstandsfeld zwischen den Objekten gerichtet, so verstärkt sich der Bewegungseindruck. Schließlich kann Wertheimer konstatieren, dass die durch sukzessive Präsentation erzeugte Scheinbewegung "ebensostark, unter Umständen eindringlicher" (Wertheimer, 1912, S. 235) als der Eindruck eines real bewegten Objektes ist.

Radtachistoskop nach Schumann mit Antriebseinheit und Görz Triëder Monocular. Foto: Sophie Daum. Sammlung AWZ

Die Hauptversuche führte Wertheimer im Herbst und Winter 1910 am Psychologischen Institut in Frankfurt a. M. mit einem Schumannschen Tachistoskop durch. Dieses hat den Vorteil, Sukzessivexpositionen zweier Reizvorlagen unter exakt messbaren Bedingungen zu ermöglichen. Friedrich Schumann hatte zur gleichen Zeit die Leitung des Frankfurter Instituts von Karl Marbe übernommen, der nach Würzburg berufen worden war. Die Bedingungen im Umgang mit dem Tachistoskop waren in dieser Konstellation für Wertheimer optimal.
Schumann demonstrierte sein Radtachistoskop erstmals am 15. Dezember 1899 öffentlich im Psychologischen Verein zu Berlin (Flatau und Giering, 1899). Weitere Vorstellungen des Apparats folgten auf den Kongressen für experimentelle Psychologie 1904 in Gießen und 1906 in Würzburg. Interessant ist, dass Schumann bereits auf dem Würzburger Kongress über mit dem Tachistoskop erzeugte Scheinbewegungen eines vertikalen und eines horizontalen Balkens spricht, die in der Gesamtschau ein Kreuz ergeben. Er schlussfolgert, dass der Bewegungseindruck ein "...zu den Wahrnehmungsbildern hinzukommender zentral erzeugter Bewußtseinsinhalt sein [muss], mag man ihn nun mit Exner als Bewegungsempfindung oder mit Ehrenfels als Gestaltqualität bezeichnen."

(Armin Stock)

 

Literatur:
Flatau, Th.S. & Giering, H. (1899). Psychologischer Verein zu Berlin. Sitzungsberichte. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, I, 95-100.
Schumann, F. (1907). Psychologie des Lesens. In: Friedrich Schumann (Hrsg.). Bericht über den 2. Kongress für experimentelle Psychologie in Würzburg vom 18. bis 21. April 1906. Leipzig: Johann Ambrosius Barth.
Wertheimer, M. (1912). Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. Zeitschrift für Psychologie, 61, 161-265.

 

Der Mensch und Wissenschaftler Max Wertheimer

Tachistoskop in Aktion

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