English Intern
    Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

    Kurt Tsadek Lewin - eine biografische Skizze

    Kurt Lewin (1890-1947)

    Mogilno liegt knapp 400 km östlich von Berlin und etwa 230 km südlich von Danzig an einem Bach. Es ist ein kleiner, ehemals preußischer Ort im heutigen Polen, der um 1890 gut dreitausend Einwohner zählte. Zwei Drittel waren katholischen Glaubens, ein knappes Drittel evangelisch und eine Minderheit von 205 Personen war jüdisch. Zu dieser, bereits damals diskriminierten Minderheit, zählten auch Leopold und Recha Engel Lewin, die Eltern Kurt Tsadek Lewins, der dort an einem Dienstag den 9. September 1890 zur Welt kam.
    In einem 1933 von Lewin verfassten, aber nie versandten Brief an Wolfgang Köhler, berichtete Lewin über die bereits in seiner Kindheit erlebten Ressentiments und Repressalien gegenüber der jüdischen Minderheit seines Heimatortes. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Hertha und seinen beiden jüngeren Brüdern, Egon und Fritz wuchs Lewin in diesem Umfeld auf.
    1905 zog die Familie Lewin nach Berlin, um den drei Brüdern eine klassisch humanistische Ausbildung am Kaiserin Augusta Gymnasium zu ermöglichen. Kurt lernte neben Mathematik, Geschichte und Naturwissenschaften die drei Sprachen Latein, Griechisch und Französisch, aber leider nicht Englisch, was für sein späteres Leben vorteilhaft gewesen wäre. Seine Reifeprüfung legte er mit weitgehend guten Noten ab, bis auf die Sprachen, die nur für ausreichend befunden wurden.
    Als Lewin 1909 mit dem Studium an der Universität Freiburg begann, wollte er Landarzt werden und belegte entsprechende Kurse, u.a. aber auch schon die Physiologische Psychologie bei Privatdozent Dr. Bumke. Ganz glücklich schien er mit dieser Wahl jedoch nicht zu sein, denn schon im darauffolgenden Wintersemester 1909/10 wechselte er an die Universität München, um sich mehr der organischen und anorganischen Chemie wie auch der Physik zu widmen. Auch hier belegte er weitere Kurse in Psychologie.
    Doch schon im nächsten Semester zog es den Medizinstudenten Lewin weiter, diesmal an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Bei Prof. Rudolf Virchow hörte er Medizin, bei Prof. Carl Stumpf Psychologie und besonders beeinflusst hat ihn der Philosoph Ernst Cassirer. Nachdem Lewin für sich erkannt hat, dass ihm die medizinische Sektion und die Arbeit im Anatomie-Labor nicht lag, wechselte er 1911 in die Philosophische Fakultät. Hier konnte er nun seine psychologischen, philosophischen und mathematischen Studien vertiefen. Obwohl Lewin wusste, dass es in Deutschland praktisch unmöglich war, als Jude Universitätsprofessor zu werden, strebte er diesen Berufswunsch an. Lewin hoffte darauf, dass Carl Stumpf bereit wäre, für ihn als Doktorvater zur Verfügung zu stehen. Das von ihm schriftlich verfasste Promotionsprojekt durfte er jedoch nicht selbst Stumpf vortragen. Ein Assistent überbrachte es Stumpf, während Lewin in einem separaten Raum auf die Antwort wartete. Stumpf akzeptierte das Projekt, dennoch sprach er mit Lewin erstmals vier Jahre später darüber – während seines Doktorexamens.
    Im Ersten Weltkrieg diente Lewin in der Reichswehr sowohl in Frankreich als auch in Russland. Trotz der schwierigen Bedingungen versuchte er selbst an der Front wissenschaftlich zu arbeiten. Im Jahr 1917 publizierte er eine Arbeit mit dem Titel „Die Kriegslandschaft“, in der er Begriffe wie „Feldkräfte“ und „Lebensraum“ antizipierte.
    Kurz vor Kriegsende wurde Lewin schwer verwundet und musste über 8 Monate im Krankenhaus bleiben. Sein jüngerer Bruder Fritz hatte weniger Glück. Er kehrte aus dem Krieg nicht Heim.
    1921 wurde Lewin Assistent und 1922 Privatdozent am Psychologischen Institut in Berlin. Zu dieser Zeit begann er mit der Entwicklung der Feldtheorie und es entstand eine Reihe von Filmen, die Lewins theoretische Überlegungen untermauern. Das Adolf-Würth-Zentrum verfügt über Kopien von vier dieser Filme und stellt sie hier online zur Verfügung.


    1)    Walking Upstairs for the First Time (~1924)
    2)    The Child and the Field Forces (1925)
    3)    Field Forces as Impediments to Perform (1925)
    4)    Level of Aspiration in Young Children (1940)

    Kurt Lewin hatte aus zwei Ehen insgesamt vier Kinder. Als seine Ehe mit Maria Landsberg nach zehn Jahren 1927 geschieden wurde, heiratete er 1929 Gertrud Weiss. Mit ihr hatte er eine Tochter, Miriam Lewin, die 1931 geboren wurde, und einen Sohn Daniel, der 1933 zur Welt kam.
    1932 war Lewin Gastprofessor in Kalifornien und er erhielt dort eine weitere Einladung nach Japan. Während seiner Rückkehr über Russland nach Deutschland hatte Hitler die Macht ergriffen. Als Lewin dies erfuhr, waren ihm und seiner Frau Getrud sofort klar, dass sie Deutschland verlassen mussten. Die Emigration führten sie über England in die USA, zuerst an die Cornell University und 1935 schließlich an die University of Iowa. Während dieser Zeit - kurz vor und nach der Emigration - drehte Lewin verschiedene Filme, die den Kindergarten in Palo Alto, seine Frau Gertrud, die Kinder Miriam und Daniel sowie kurz Karl Duncker und sich selbst zeigen.  Dank einer Geldspende konnten wir sie konservieren und digitalisieren lassen. Miriam Lewin und ihre Tochter haben uns dankenswerterweise die Erlaubnis erteilt, diese Filme hier zu zeigen.


    1)    Kindergarten Palo Alto (Januar 1933)
    2)    Daniel, Miriam, Getrud Lewin, kurz Karl Duncker u. Kurt Lewin (1933 & ca. 1940)
    3)    Miriam isst Suppe (1933)
    4)    Daniel und Ursel – Apfelessen 1 (Dezember 1934)
    5)    Daniel und Ursel – Apfelessen 2 (Dezember 1934)
    6)    Daniel und Ursel – Apfelessen 3 (Dezember 1934)


    Die Forschung Lewins wurde durch die von ihm erlebten Zeitereignisse geprägt. Insbesondere der gewaltsame Tod seiner Mutter im Konzentrationslager Sobibor war für ihn erschütternd, hatte er doch 1935 mit dem großen Wagnis eines kurzen Aufenthaltes in Deutschland vergeblich versucht, sie zur Emigration zu bewegen.  Ihr tragischer Tod hat es ihm zu einem persönlichen Anliegen gemacht, Gruppenprozesse zu untersuchen, um soziale Probleme künftig besser verstehen und vielleicht lösen zu können. Einen großen Erfolg erzielte er diesbezüglich 1945 mit der Gründung des Centers for Group Dynamics am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Leider verstarb Kurt Lewin nur knapp zwei Jahre später, am 12. Februar 1947, an der Folge zweier kurz nacheinander  erlittener Herzinfarkte.

    Armin Stock

    Literatur:
    Lewin, K. (1917). Kriegslandschaft. Zeitschrift für Angewandte Psychologie, 12, 440-447.
    Lewin, K. (1933/1987). Everything within me rebels: A letter to Wolfgang Köhler (M. Lewin & G. Wickert, Trans.). Journal of Social Issues, 42(4), 39-47.
    Lewin, M. (1992). The Impact of Kurt Lewin’s Life on the Place of Social issues in His Work. Journal of Social Issues, 48(2), 15-29.