Die beeindruckenden Anpassungsleistungen unserer Wahrnehmung

Die Umkehrbrille

Die Namen Theodor Erismann (1883-1961) und Ivo Kohler (1915-1985) sind eng verbunden mit den am Psychologischen Institut der Universität Innsbruck durchgeführten Brillenversuchen, bei denen durch eine experimentelle Störung der Wahrnehmung die nachfolgende Adaption des Wahrnehmungssystems untersucht wurde. Diese Studien wurden von Erismann bereits Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts begonnen und später mit seinem Schüler und Assistenten Ivo Kohler fortgesetzt und erweitert. Die Experimente untersuchten u.a. die Anpassung der Wahrnehmung beim Tragen von Umkehr-, Prismen-, und Farbbrillen sowie Halbprismen- und Farbhalbbrillen. Die Probanden mussten die je nach Versuchsbedingung eingesetzten Brillen zwischen 6 und 124 Tagen tragen.
Methodisch bedeutsam ist, dass die Studien unter alltäglichen Bedingungen der Versuchspersonen durchgeführt wurden und so nicht nur die Adaptation der Wahrnehmung, sondern insbesondere auch diejenige der sensumotorischen Koordination und Kontrolle menschlichen Handelns untersucht werden konnte. Damit entsprechen sie in vorbildlicher Weise der zwar häufig erhobenen, aber selten erreichten Forderung der ökologischen Validität experimenteller Studien. Eine erste bedeutende Publikation hierzu ist die Arbeit Kohlers "Über Aufbau und Wandlungen der Wahrnehmungswelt. Insbesondere über 'bedingte Empfindungen'" aus dem Jahr 1951.

Im Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie wird der Nachlass Theodor Erismanns aufbewahrt. Dem Wunsch des Nachlassgebers folgend, stellen wir hier den von Erismann und Kohler im Jahr 1950 gestalteten Film: "Die Umkehrbrille und das aufrechte Sehen" der Wissenschaft und auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung. 

Ivo Kohler (1915-1985)

Ivo Kohler (1915-1985)

Der am 27. Juli 1915 in Schruns geborene Ivo Kohler legte seine Matura 1934 mit Auszeichnung ab und begann anschließend das Studium der Theologie und später auch der Philosophie in Brixen und Innsbruck, wo er Theodor Erismann kennen lernte. Noch während des Zweiten Weltkriegs promovierte er 1941 bei ihm mit einer Arbeit über den Einfluss der Erfahrung in der optischen Wahrnehmung bei langdauerndem Tragen bildverzerrender Prismen. Nach dem Krieg wurde Kohler Assistent bei Erismann und später sein Nachfolger.

Theodor Erismann (1883-1961)

Theodor Erismann (1883-1961)

Theodor Erismann ist der älteste Sohn des an der Moskauer Universität lehrenden Hygienikers Friedrich Erismann und dessen Frau Sophie, geb. Hasse. Noch während seiner Schulzeit zog die Familie in die Schweiz, wo er seine Reifeprüfung ablegte und zunächst in Zürich das Studium der Physik bei Albert Einstein aufnahm. Stark beeinflusst haben ihn jedoch die Vorlesungen des Philosophen und Mediziners Gustav Störrings (1860-1946), dem er bald nach Straßburg und später nach Bonn folgte. 1913 habilitierte sich Erismann an der Universität Straßburg für Philosophie einschließlich Psychologie. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte 1921 die Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Bonn und 1926 folgte der Ruf an die Universität Innsbruck, der mit der Aufgabe verbunden war, das dortige Institut für experimentelle Psychologie zu leiten. Hier blieb Erismann für den Rest seines Arbeitslebens.

Armin Stock