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    Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

    Carl Stumpf: Die Rektoratsrede über den Ethischen Skeptizismus von 1908

    Carl Stumpf 1848-1936 (Sammlung AWZ Würzburg)

    Das Adolf-Würth-Zentrum verfügt über einen kleinen Teil des Nachlasses Carl Stumpfs. Neben ein paar Fotografien und Korrespondenzen (u.a. mit Husserl) ist eine 12‘‘-Schellackplatte vorhanden. Sie trägt den Titel: „Geh. Rat. Dr. Carl Stumpf – Aus einer Rektoratsrede“ und beinhaltet Teile der zweiten Rektoratsrede Stumpfs anlässlich des Stiftungsfestes der Berliner Universität vom 3. August 1908. Die Aufnahme entstand nicht während des Stiftungsfestes, sondern sehr wahrscheinlich kurz danach, noch im August 1908. Es ist uns gelungen, die Platte mit der gebührenden Sorgfalt zu digitalisieren. Die Originalstimme Carl Stumpfs mit Ausschnitten seiner Rede kann über den unten auf der Seite eingebundenen Player abgerufen werden.


    In seiner Rede geht Stumpf auf den ethischen Skeptizismus ein, der sich damals trotz oder gerade aufgrund der besonderen Machtstellung, der industriellen Stärke und Dynamik des Deutschen Reiches verbreitet hatte: „Weite Kreise sind heut erfüllt von einem ethischen Skeptizismus, dem alle Überlieferung kraftlos, alle Vorschriften wandelbar und umbildungsbedürftig erscheinen.“ (Stumpf, 1910, S. 198). Er greift die Argumente der Skeptiker, wie z.B. Montaigne (1533-1592), Paul Rée (1849-1901) und Alexander Bain (1818-1903), auf und pflichtet diesen insoweit bei, dass sich „…heute fast zu jeder Handlung, die wir gut nennen, eine entgegengesetzte aufzeigen [lässt], die bei anderen Völkern gut genannt wird, während unsere sittlichen Ideale dort der Verachtung begegnen.“ (ebd. S. 199). Die Schlussfolgerung, die Stumpf aus den Belegen der Skeptiker zieht, ist aber nicht diejenige des  ethischen Skeptizismus, sondern vielmehr der Entwurf einer Ethik, die sich stetig und konstruktiv fortentwickelt. Ein Fundament dieser Ethik sieht Stumpf in der Einsicht in die inneren und unabhängigen Werte ethischer Gesinnungen und er folgt damit den Vorstellungen Kants und Sokrates‘, „…daß das moralische Handeln sich als ein im höchsten Sinne einsichtiges von allem bloß instinktiven und gewohnheitsmäßigen Handeln unterscheide.“ (ebd. S. 211). Ein weiteres Fundament legte Stumpf in die Überzeugung, dass gutes Handeln nur durch denjenigen vollzogen werden kann, der möglichst exakt über die „Verhältnisse der Wirklichkeit“ (ebd. S. 218) Bescheid weiß, denn „Eine Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft, wäre noch weniger willkommen als die von umgekehrter Beschaffenheit.“ (ebd. S. 219).
    Stumpfs Überlegungen zu Folge lässt sich auf diesen beiden Fundamenten individuelle Vollkommenheit dadurch erstreben, dass man sein Leben für das Erreichen großer, objektiver Ziele nutzt und sich selbst hintanstellt. Für Stumpf ist dies ein „psychologisches Naturgesetz“, „die wahre Grundformel“: „Nur wer seine Seele verliert, wird sie gewinnen. Diese Formel ist’s, die unausgesprochen in der gewaltigen Bewegung nach einer sozialen, objektiv gerichteten Ethik zum Ausdrucke kommt, einer Bewegung, die wie die Sturmflut über allen noch so genial formulierten Subjektivismus hinwegschreitet, weil sie ungleich tiefer in der menschlichen Natur begründet ist. Wer nicht in objektiven Interessen lebt, hat seinen Lohn dahin, indem er verurteilt ist, zeitlebens nur die Gesellschaft seines elenden Selbst zu teilen, dem er allen Inhalt genommen hat, das er nur künstlich aufzuputzen vermag. Wie anders, wer in einem Kunstwerk, in Problemen der Wissenschaft, der Technik, der nationalen Wohlfahrt aufgeht: welchen Reichtum an Leben, an wahrer Wirklichkeit saugt er, ohne es zu wollen, in sich ein!“ (ebd. S. 217).

    Literatur:

    Stumpf, C. (1910). Philosophische Reden und Vorträge. Leipzig: Johann Ambrosius Barth.