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    Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

    Einen guten Freund verloren

    05/16/2018

    Am 21. März 2018 verstarb der Ehrenbürger unserer Universität, Dr. rer. nat. h.c. Jost Lemmerich im 89. Lebensjahr. Mit ihm haben wir einen guten Freund und exzellenten Wissenschaftshistoriker verloren.

    Lemmerichs guten Blick entging kaum ein Problem

    Mit Röntgen fing die Freundschaft zu unserer Universität an

    Als 1995 die Entdeckung „einer neuen Art von Strahlen“ durch Wilhelm Conrad Röntgen ihr hundertjähriges Jubiläum feierte, wollte die Universität dies durch eine große Ausstellung entsprechend würdigen. Dem damaligen Präsidenten Theodor Berchem und seinem Kanzler Bruno Forster gelang es, den Wissenschaftshistoriker und bereits renommierten Ausstellungsgestalter Jost Lemmerich dafür zu gewinnen. Dass dies eine weise Entscheidung war, zeigte der spätere Erfolg der Röntgen-Ausstellung, denn kaum einer war erfahrener auf dem Gebiet der Wissenschaftsausstellungen als Jost Lemmerich. Schon seit den siebziger Jahren entwarf er Ausstellungen über Albert Einstein, Lise Meitner, Otto Hahn und Max von Laue, aber auch über verschiedene Themengebiete wie z.B. „Mikroskopie und Zellbiologie in drei Jahrhunderten“, „Der Mensch und die Automation – Historische Aspekte“ und „Maß und Messen – 100 Jahre PTR/PTB“. In seinen Ausstellungen präsentierte Lemmerich aber nicht nur die Wissenschaft. Ihm ging es immer auch um den Menschen, um die Zeit und vor allem um die Verantwortung der Wissenschaft. Das alles machte seine Ausstellungen so lebendig, eindringlich und des Nachdenkens wert. Manche waren so erfolgreich, dass sie sogar im Science Museum in London und in der Halle des Volkes in Peking gezeigt wurden. Sein großes Interesse an den Wissenschaftlern als Menschen spiegelte sich auch in seiner Tätigkeit als Fellow des Churchill College der Universität Cambridge wider, wo er in akribischer Arbeit den Nachlass von Lise Meitner erschloss, oder auch in dem von ihm herausgegebenen und äußerst spannend zu lesenden Briefwechsel zwischen Lise Meitner und Max von Laue während der Zeit des Dritten Reichs.

    Vom Europäischen Patentamt in die Würzburger Provinz

    Als die Anfrage aus Würzburg zur Gestaltung der Röntgenausstellung kam, entschloss sich Jost Lemmerich, der bis dahin hauptberuflich beim Europäischen Patentamt in Berlin tätig war, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen und für einige Zeit nach Würzburg zu ziehen. „Hundert Jahre Röntgenstrahlen“, sagte er einst, „muss man etwas länger vorbereiten.“ Durch seine zahlreichen Kontakte und vor allem durch das große Vertrauen, das er sich in aller Welt erworben hatte, gelang es Lemmerich, wertvollste Leihgaben für die Röntgenausstellung nach Würzburg zu holen. Belohnt wurde er durch den großen Erfolg der Ausstellung, die sogar der damalige Bundespräsident Herzog besuchte, und durch die Verleihung der Ehrenbürgerwürde unserer Universität.

    Präsident Theodor Berchem zusammen mit Jost Lemmerich bei einem Rundgang durch die Röntgenausstellung 1995 in der Residenz. (Foto: Pressestelle Uni Würzburg)

    Die Wissenschaftsmeile Röntgenring

    Ein zweites Mal wurde Dr. Lemmerich nach Würzburg im Jahr 2006 gebeten, um gemeinsam mit Prof. Armin Stock eine Ausstellung über die Würzburger Nobelpreisträger im Rahmen des Projekts „Wissenschaftsmeile Röntgenring“ zu gestalten. Insgesamt 13 Nobelpreisträger galt es prägnant darzustellen, was keine leichte Aufgabe war. Die Eröffnung dieser Ausstellung im Dezember 2006 im Beisein des Nobelpreisträgers Hartmut Michel und dem aus Hawaii per Telefonkonferenz zugeschalteten Klaus von Klitzing war bereits ein besonderes Ereignis. Auch diese Ausstellung, die an verschiedenen Standorten gezeigt wurde, erfuhr ca. 40tsd. Besucher, darunter zahlreiche Schulklassen, die so einen lebendigen Einblick in naturwissenschaftliche Forschung erhielten.

    Präsident Axel Haase, Nobelpreisträger Hartmut Michel und Jost Lemmerich anlässlich der Eröffnung der Nobelpreisträgerausstellung im Dezember 2006. (Foto: Pressestelle Uni Würzburg)

    Bis zuletzt eng verbunden mit dem Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

    In seinem letzten Lebensjahrzehnt war Dr. Lemmerich insbesondere dem von Prof. Stock geleiteten Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie eng verbunden. Immer wieder kam er von Berlin nach Würzburg und sei es nur, um für einen Nachmittag intensiv über eine neue Ausstellung des Würth-Zentrums zu beraten, bevor er spät abends, häufig nach Mitternacht, wieder nach Berlin zurückkehrte. Er half und unterstützte, wo immer er konnte. Herr Lemmerich war ein begnadeter Lehrer. Unaufdringlich, aber immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Sein Erfahrungsschatz war phänomenal, gleichermaßen sein Netzwerk. Und er wusste, was die vornehmste Aufgabe des Lehrers ist: Sein Wissen aufs großzügigste zu teilen, um sich dadurch selbst am Ende überflüssig zu machen. Dieses von ihm vermittelte Wissen lebt nun zu einem guten Teil am Adolf-Würth-Zentrum weiter. „Immer enger, leise, leise ziehen sich die Lebenskreise“ schrieb einst Theodor Fontane so treffend. Zum Stiftungsfest 2017 war Jost Lemmerich das letzte Mal in Würzburg und beriet noch einmal die Stadt und die Röntgengedächtnisstätte für deren Vorbereitungen zum anstehenden 125jährigen Jubiläum der Entdeckung der Strahlen. Bereits bei diesem Besuch war zu erahnen, dass sich ein großes und ausgefülltes Leben langsam dem Ende zuneigte. Zur Eröffnung der eigens ihm gewidmeten Ausstellung am Adolf-Würth-Zentrum zum Thema Psychotechnik im Dezember 2017 hatte Jost Lemmerich nicht mehr die Kraft zu kommen. Dennoch blieb er bis zuletzt in stetigem Kontakt mit unserer Universität. Am 21. März 2018 fand der unermüdliche, unendlich fleißige, mit zahlreichen Auszeichnungen dekorierte, aber dennoch immer sehr bescheiden gebliebene Jost Lemmerich seine letzte Ruhe. Die Universität wird ihm in großer Dankbarkeit verbunden bleiben.

    By Armin Stock

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