Zylinderrotationen in nano


Viel Aufwand bei den Dreharbeiten für nano (Foto: AWZ)

Blick auf die Walzenstruktur per Mikroskop (Foto: AWZ)

Die selbstgezogene Nadel ist noch zu dick (Foto: AWZ)

Es klingt wie eine high-tech-story, stammt aber aus längst vergangener Zeit. Klein ist es auch, aber dennoch weit entfernt vom nano-Bereich. Trotz alledem wurde es in „nano“ sichtbar, dem Wissenschaftsmagazin von 3sat.

Hinter dieser rätselhaften Beschreibung verbirgt sich eine scheinbare Trivialität, die jedoch zu einem kleinen Abenteuer wurde: Die Digitalisierung von Wachswalzen am Adolf-Würth-Zentrum (AWZ). Wachswalzen sind die Tonträger der Urzeit, Vorläufer von Schellack- und Langspielplatte, von CD, DVD und Blu-ray. Es handelt sich dabei um etwa zehn Zentimeter lange, 5,5 Zentimeter breite und etwa einen halben Zentimeter dicke Wachszylinder. Bespielt wurden sie rein mechanisch mit einem Edison-Phonographen. Über einen Schalltrichter, in den man sprach, sang oder musizierte, wurde der Schall verstärkt auf eine Nadel übertragen, die diese Schallwellen dann in das weiche Wachs eingravierte. Einmal bespielt konnte eine solche Aufnahme nur wenige Male abgehört werden, bevor sie unbrauchbar wurde. Erst als es mit Hilfe einer Galvanisierungstechnik gelang, von den weichen Aufnahmewalzen Kopien auf widerstandsfähigeren Wachzylinder zu erstellen, war der Grundstein für die Musikindustrie gelegt.


Mit Wachswalzen auf Forschungsreise
Wachswalzen wurden aber auch ab Ende des 19. Jahrhunderts als Aufnahmemedium für Forschungszwecke genutzt. Der erste, der in Deutschland die Idee hatte, systematisch die Sprachen und Gesänge der Völker dieser Erde auf Wachswalzen zu konservieren und sie damit der Erforschung zugänglich zu machen, war der Psychologe Carl Stumpf (1848-1936). Über ihn ist aktuell im Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie an der Universität Würzburg eine Ausstellung zu sehen. Carl Stumpf hatte viele Forschungsreisende mit Phonographen und Walzen ausgestattet, und diese brachten dann die Aufnahmen aus aller Welt zur Analyse nach Deutschland. Die Carl Stumpf Ausstellung war auch der Anlass – so der Leiter des Zentrums, Professor Armin Stock – sich intensiver mit den im AWZ aufbewahrten Wachswalzen auseinanderzusetzen.
„Als wir unsere etwa 60 Wachswalzen genauer in Augenschein nahmen, konnten wir ermitteln, dass diese aus den Jahren zwischen 1901 und 1930 stammten und Aufnahmen aus praktisch allen Kontinenten dieser Erde enthielten“, so Stock. „Wir mussten aber auch bald feststellen, dass die Beschriftung auf der Verpackung häufig nicht mit dem Inhalt übereinstimmte. So entstand schnell das Bedürfnis, die Aufnahmen wieder hörbar zu machen und damit sozusagen ‚ein Backup‘ anzufertigen“.
Ein selbst gebautes Abspielgerät
Leicht gesagt, aber schwer getan, denn das Wissen über die Wachswalzentechnologie musste zunächst durch Recherchen zusammengetragen werden. Dabei zeigte sich schnell, dass es weltweit nur ein paar wenige Spezialisten gibt, die Wachswalzen digitalisieren können. Gemeinsam mit der Restauratorin des Zentrums, Esther Gildemann, konstruierte Professor Stock eine Apparatur, bei der die Abtastnadel aus dünnen Glasstäbchen von den Zentrumsmitarbeitern selbst gezogen wurde. „Das war ein Projekt, das uns immer wieder viel Ausdauer abverlangte, und bei dem wir ständig aus unseren Fehlern lernen mussten“, erzählt Stock.
„Da wir unsere Technik im Entwicklungsstadium nicht an unseren Originalwalzen ausprobieren konnten, haben wir uns im Internet eigens eine Neuprägung eines Gesangs von Caruso und eine wissenschaftlich nicht so wertvolle alte Walze mit Zittermusik gekauft“, so Stock weiter. Während es beim Edison-Phonographen einen Antrieb gibt, der die Nadel exakt entlang der Rille führte, entschloss man sich am AWZ für das passive Mitlaufen. „Der passive Antrieb ist für die Walze gefahrloser als der aktive, bei dem man die Parallelität zwischen Nadelvortrieb und Rille exakt einhalten muss. Allerdings muss der Tonabnehmer beim passiven Antrieb möglichst leicht gebaut werden, damit die Rille der Walze ihn vorantreibt“, erklärt Stock.


Hörerlebnisse aus vergangenen Zeiten
Nachdem alles funktionierte, begann man die Walzen zu digitalisieren und konnte nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder hören, was sie bislang als geheimen Schatz verbargen. „Das waren ganz tolle Momente“, schwärmt Stock. „Es ist unglaublich beeindruckend, wenn man diese Vielfalt an Musik hört, die sich in unterschiedlichen Kulturen entwickelt hat. Wir verstehen nun viel besser, warum der Musikpsychologe Carl Stumpf sich dieser Tätigkeit mit solcher Begeisterung widmete und diesen Schatz erschuf, von dem wir nur einen Bruchteil in unserer Sammlung haben, der aber ansonsten im Phonogramm-Archiv Berlin liegt, das ja inzwischen zum „Memory of the World“ der UNESCO gehört.“
Als die Walzen digitalisiert waren, erzählte Stock die Geschichte einer Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk und erweckte damit sofort das Interesse. Ein Kamerateam drehte einen ganzen Tag lang sehr aufwändig im Adolf-Würth-Zentrum und erstellte einen Beitrag über die Wachswalzendigitalisierung, der demnächst in „nano“, dem Wissenschaftsmagazin von 3sat zu sehen sein wird.


Präsentation im Internet
Und wie geht es mit den Digitalisaten nun weiter? „Da die Aufnahmen natürlich stark mit Knacksern und Rauschen versehen sind, werden wir sie nach und nach digital restaurieren und anschließend über das Internet der Forschung von Ethnologen, Musikwissenschaftlern, Musikpsychologen und nichts zuletzt Psychologiehistorikern zur Verfügung stellen. Auch Filmmusikkomponisten können hier gewiss die eine oder andere Anregung erfahren“, so Stock.

Erste Beispiele finden Sie bereits unter:

Opens internal link in current windowWachswalzen A-F
Opens internal link in current windowWachswalzen G-L
Opens internal link in current windowWachswalzen M-R
Opens internal link in current windowWachswalzen S-Z

Den Beitrag in nano können Sie unter folgendem Link in der Mediathek abrufen:

Opens external link in new windownano-Mediathek


Kontakt
Prof. Dr. Armin Stock, Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie, T: (0931) 31-82620,
E-Mail: armin.stock@uni-wuerzburg.de
www.awz.uni-wuerzburg.de

04.05.2016, 09:48 Uhr