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    Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

    Neue Ausstellung: Carl Stumpf (1848-1936) und die Anfänge der Gestaltpsychologie

    08.06.2015

    Als das Adolf-Würth-Zentrum im Frühjahr 2014 wissenschaftshistorisch bedeutende Teile des Nachlasses von Carl Stumpf (1848-1936) als Schenkung erhalten hatte, war für Prof. Armin Stock schnell klar, dass das der Stoff für eine neue Ausstellung ist. Nun wurde diese am 22. Mai in einem kleinen Festakt eröffnet.

    Carl Stumpf (Quelle: AWZ Würzburg)

    „Von Würzburg in die Welt“ ist ein Slogan, den die Universität Würzburg heute gerne kommuniziert, wenn sie betonen möchte, welch exzellente Ausbildung man hier erhalten kann. Dass dies vor 150 Jahren bereits so war, zeigt eindrücklich die wissenschaftliche Karriere von Carl Stumpf. Stumpf, der nahe bei Würzburg in Wiesentheid im Revolutionsjahr 1848 geboren wurde, und dessen Geburtshaus auch heute noch dort besichtigt werden kann, kam als 17jähriger zum Studium in die Stadt am Main. Für den Broterwerb und um einen Beruf zu haben, der ihm später genügend Zeit für das von ihm geliebte Musizieren und Komponieren lassen sollte, studierte er zunächst Jura. Doch diesen Vorsatz sollte er nicht lange aufrechterhalten. Ein Schlüsselerlebnis, die von ihm besuchte öffentliche Verteidigung der Habilitationsschrift des Philosophen Franz Brentanos (1838-1917), wurde für sein weiteres Leben prägend. Beeindruckt von der Klarheit, Stringenz und Logik im Denken Brentanos wurde Stumpf zu dessen Schüler und es entwickelte sich eine erst mit dem Tode Brentanos endende Freundschaft. Brentano durfte jedoch noch keine Studenten promovieren oder gar habilitieren, sodass er Stumpf dafür an die Universität Göttingen zu Rudolf Hermann Lotze (1817-1881) empfahl. Als Stumpf diese akademischen Weihen bereits 1870 erfolgreich abgeschlossen hatte, kehrte er nach drei Jahren der Dozententätigkeit in Göttingen nach Würzburg zurück und wurde mit nur 25 Jahren zum Professor der Philosophie ernannt. Hier in Würzburg begann er, unterstützt durch die Apparatesammlung des von Friedrich Kohlrauch (1840-1910) geleiteten physikalischen Instituts, seine tonpsychologischen Studien, welche später als Tonpsychologie in zwei Bänden publiziert werden sollten und die nach Helmholtz‘ Lehre von den Tonempfindungen zu einem von Philosophie und Psychologie gleichermaßen akzeptierten Standardwerk wurden.
    Sechs Jahre sollte Stumpf in Würzburg wirken, bevor er 1879 frisch verheiratet einem Ruf an die Universität Prag folgte. In der Prager Zeit setzte Stumpf seine Arbeiten an der Tonpsychologie unter erschwerten Umständen fort, fehlte ihm doch die Würzburger Apparatesammlung des physikalischen Instituts. Hinzu kamen Spannungen zwischen Tschechen und Deutschen, die 1882 zur Aufteilung der Prager Universität in einen tschechischen und einen deutschen Teil führten. Aus Sorge um seine junge Familie, die inzwischen um einen Sohn gewachsen war, schaute sich Stumpf nach einer neuen Position um und fand diese 1884 an der Universität Halle. Das beschauliche Halle ließ die Schaffenskraft Stumpfs wieder anwachsen. Ein zweiter Band der Tonpsychologie wurde in Angriff genommen und die Hallenser Dom Orgel wurde für die Experimente genutzt. Auf Empfehlung Brentanos stieß der junge Philosoph Edmund Husserl (1859-1938) zu ihm und habilitierte sich unter Stumpfs Betreuung. In Halle begann Stumpf auch mit musikethnologischen Aufnahmen der Gesänge von Bellakula-Indianern und Mongolen und legte so einen ersten Grundstein für das später von ihm gegründete Phonogram-Archiv in Berlin, das heute zum Memory of the World der UNESCO zählt.
    Halle, das damals ein Sprungbrett großer wissenschaftlicher Karrieren war, verhalf auch Stumpf zu dieser, denn nach nur fünf Jahren folgte ein Ruf an die Universität München. Stumpf, der stets versuchte, Philosophie, insbesondere die Erkenntnislehre mit den Methoden der noch jungen empirischen Psychologie und mit den Naturwissenschaften zu vereinen, war eine Idealbesetzung, die von der Philosophie gern gesehen wurde, aber auch den Modernisierungsbestrebungen der Universitäten und den neuen Entwicklungen der Psychologie entgegenkam. In München hatte Stumpf erstmals die Gelegenheit eine eigene Apparatesammlung aufzubauen und hätte ihn das Ministerium gewähren lassen, so wäre Stumpf in der Lage gewesen, an der Universität München eines der aus heutiger Sicht weltweit ältesten Institute für Psychologie zu errichten. Doch so weitsichtig war man damals noch nicht. Stattdessen folgte Stumpf nach anfänglicher Ablehnung dem Werben des preußischen Kulturpolitikers Friedrich Althoff (1839-1908) aus Berlin und nahm 1893 den Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität an. Bis 1920 errichtete er hier ein Institut von Weltruhm. Er brachte mit Wolfgang Köhler (1887-1967), Kurt Koffka (1886-1941), Kurt Lewin (1890-1947), Max Wertheimer (1880-1943) und Friedrich Schumann (1863-1940) Wissenschaftlerpersönlichkeiten hervor, die durch die Entwicklung der Gestaltpsychologie ein neues Denken und Forschen ermöglichen sollten. Am 25. Dezember 1936 verstarb Carl Stumpf hochbetagt und höchst geachtet in Berlin.
    Die Ausstellung des Adolf-Würth-Zentrums zeigt anhand zahlreicher Originaldokumente das Leben und Wirken Carl Stumpfs sowie der Gestaltpsychologen Wolfgang Köhler, Max Wertheimer, Kurt Koffka, Kurt Lewin und Karl Duncker. Einzelne Experimente Max Wertheimers können zum Teil an Originalapparaturen selbst erlebt werden. Die Ausstellung steht ab 26. Mai 2015 der Öffentlichkeit zu den Öffnungszeiten des Adolf-Würth-Zentrums zur Verfügung. Für Führungen wird um eine Terminvereinbarung unter 0931/31-88683 oder awz@uni-wuerzburg.de gebeten.
    www.awz.uni-wuerzburg.de

     

     

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